Text von Dr. Katrin Burtschell

ANETT FREY. ZEICHNUNG - RADIERUNG
Anett Freys Werk befindet sich in einem Spannungsfeld aus der suchenden, sich annähernden Linien- und Strichführung der Zeichnung, den harten, akzentuierten Linien der Radierung, oder des Holzdrucks und einem spürbaren plastischen Ausdruck. Viele ihrer Arbeiten entwickeln in ihrer Vielschichtigkeit einen haptischen Wert, weisen eine reliefartige Oberfläche auf, wie in ihrer Porträtserie
Herr M. und in ihren Serien von Orten, die sie, aus mit Bienenwachs gebundenen Pigmenten, geradezu konstruiert. In ihren druckgraphischen Arbeiten lassen sich die Grate und Krater der Druckplatten und des Druckstocks auf dem Blatt förmlich als Landschaft lesen. Manchmal ist die Linie, der Strich schonungslos in seiner Härte und Dominanz, dann wieder scheint sich der Bildgegenstand in einer Verästelung aus feinsten Linien fast aufzulösen.
Mensch, Tier und Natur – die Landschaft, die die Künstlerin umgibt, das sind die Themen, die sie künstlerisch erforscht, in sich aufnimmt und zur eigenen Seelenlandschaft macht. Dabei spielen Begegnungen und die Frage nach der Vergänglichkeit eine leitmotivische Rolle in ihren Arbeiten. Egal ob Tier, Mensch oder Natur in jeder Begegnung geht es um eine Annäherung an das Gegenüber, an das Objekt, an den gesehenen Ausschnitt. Dieses in seiner Vielschichtigkeit zu erfassen und wiederzugeben ist Anett Freys künstlerisches Ansinnen. Dabei spielt nicht nur das visuelle Erfassen eine Rolle, sondern auch das intuitive, das Vordringen in etwas, das Aufspüren und Begreifen wollen in einem existentiellen und auch bildhauerischen Sinne.
Die Frage nach der Vergänglichkeit in all ihren Facetten, danach wie sich diese festhalten lässt, verleiht den Arbeiten einen oftmals düsteren Charakter, der sich dann auflöst, wenn man sich auf das Spiel von hell und dunkel, Licht und Schatten, Farbnuancen, auf das abstrakte, reliefartige Liniengeflecht einlässt. Entsteht die Zeichnung noch in einer spielerischen Leichtigkeit, einem skizzenhaften schnellen Erfassen, so wird der Vorgang der Radierung zu einem schöpferischen Prozess, der manchmal dem täglichen Überlebenskampf gleicht. Die Künstlerin fügt den Oberflächen der Bilder oder dem Bildträger zum Teil tiefe Verletzungen zu, die sie dann wieder ausbessert, ausschabt, schlichtet und glättet, so dass sie, trotz der aufeinanderliegenden Schichten, sichtbar bleiben wie Lebensspuren.
Anett Freys Werk schöpft seine Kraft und Spannung aus den immer wieder neuen unmittelbaren Begegnungen mit ihrem Gegenüber. Mit forschendem, erkundendem Blick nimmt sie Dinge, Momente und Ausblicke war, an denen wir möglicherweise achtlos vorbei laufen würden und sie erst durch ihre ernsten, stillen, in die Tiefe gehenden Arbeiten entdecken.




ANETT FREY. FINDLINGE
Anett Freys künstlerische Recherche, ihr Fragen nach der Vergänglichkeit und der stimmigen Umsetzung des flüchtigen Moments führt sie auch in ihrer Serie Findlinge weiter. Die Begegnung mit den toten Tieren, die sie zufällig auf ihren Streifzügen durch die Natur findet, lässt sie nicht mehr los. Sie sammelt die Tiere, bannt sie auf Papier, nähert sich dem leblosen Körper mittels der Zeichnung und der Radierung, fasziniert vom Ausdruck des erstarrten Moments.
Der Moment des Auffindens des Tieres spielt eine entscheidende Rolle für die Entstehung des Bildes, das Anett Frey sich von dem Findling macht und dann in der Zeichnung oder Radierung umsetzt. Die Einsamkeit, Ruhe und Stille, die die Künstlerin im Moment des Auffindens des Tieres verspürt, dringt unmittelbar ein in ihre Bilder, die zum
momento mori werden. Dabei gelingt es der Künstlerin die Verletzlichkeit, die Zerzaustheit und gleichzeitig die Erhabenheit, die die Tiere über ihr Ableben hinaus ausstrahlen, bildnerisch einzufangen. Durch die gewählte Position und die Perspektive, in der sie den Findling unserem suchenden Blick gegenüberstellt, erschafft sie einen Bedeutungsraum, eine narrative Spur aus Linien, die sich mal großflächig leicht auflösen, als wäre das Tier ein ephemeres Wesen, mal verdichtet kompakt dem Tier einen tatsächlichen Körper verleihen. Der leblose Körper ist mehr als nur eine Hülle. Durch die Vielschichtigkeit der Linien, erzählt er vom Gewesenen.