Auszug Rede zur Eröffnung der Ausstellung
"Behutsame Annäherung“ von Winfried Stürzl, 11.7.2019, Stadtbücherei Reutlingen
Die beiden Bilder sind in dieser Form nun etwa drei Jahre alt. Damals nutze Anett Frey eine selbst entwickelte Technik, die es ihr ermöglichte, schnell und flexibel zu arbeiten: Als Bindemittel für ihre Pigmente nutzt sie nämlich Bienenwachs – ein Material, das durch Erhitzen stets veränderlich und modellierbar bleibt. Sie trug die erhitzte und flüssige Wachsfarbe mit dem Pinsel direkt auf den Holzuntergrund auf – so, als habe sie das momentgebundene Erlebnis in der Begegnung mit ihrem Gegenüber regelrecht mit dem Bild „verschmelzen“ wollen.
In den jüngeren Arbeiten ist der Versuch, dem Moment Dauer – und damit auch Allgemeingültigkeit zu verleihen – meines Erachtens deutlich zurückgenommen – und zwar zugunsten einer unmittelbareren, expressiveren und auch fragmentarischeren Darstellungsweise. So zeigt die Arbeit „Modellierung“ aus der Serie „50 Gesichter des Herrn M.“ den Porträtierten zwar noch vor einem durchgängigen Hintergrund. Dieser ist allerdings in sich kaum strukturiert und geht beinahe unmittelbar in die Jacke über. Der Körper löst sich sozusagen im Umraum auf. Stattdessen treten das Gesicht und die Hände in den Vordergrund. Die wellenartigen, gestischen Pinselschwünge – die sich von den Augenbrauen über die Stirn bis zu den Haaren fortsetzen – sowie die starken Farbkontraste unterstreichen die Intensität des Moments, der letztlich in dem durch dringenden Blick des Dargestellten auf das Gegenüber – und damit den Betrachter – kulminiert.Es handelt sich hier offenbar um ein Bild, das nicht mehr in aufwändiger Nacharbeit im Atelier verdichtet wurde, sondern dem Augenblick des Sich-Ansehens als expressive Momentaufnahme Form verleiht.
Gleiches gilt in anderer Weise für die anderen jüngeren Ölbilder, die durchgängig in den Jahren 2018 und 2019 entstanden sind, und bei denen auf die Ausformulierung des Körpers zum Teil völlig verzichtet wird. So etwa in dem Bild „Eine Lebensgeschichte“, in dem das Gesicht in einem ähnlich pastellfarbenen Ockerton gehalten ist wie der Umraum. Seine Einzelteile treten erst beim längeren Ansehen des Bildes hervor. Und die fast völlig geschlossenen Augen sowie der beinahe aufgelöste Mund suggerieren nicht nur einen stark verinnerlichten Blick, vielmehr verdichtet sich die Stimmung eines möglichen Abschieds hier auf besonders Weise.
Auch in den jüngeren Bleistiftzeichnungen sind die Porträts oft nur ansatzweise zu erkennen. Ein Gewirr aus sehr feinen und gestisch gesetzten Strichen modelliert sie so, dass die Gesichtszüge nur sehr zaghaft aus dem Bildgrund in Erscheinung treten – jeden Moment bereit, auch wieder zu verschwinden. Blickt man sich die Zeichnungen genauer an, stellt man außerdem fest, dass auch mit Radiergummi in sie eingegriffen wurde, so dass sich dunkle und helle Partien überlagern. Doch beim Radieren ließen sich oft nicht alle Spuren auswischen. Sie blieben stehen und prägen das Bild mit. In Verbindung mit dem Motiv werden sie zum Sinnbild für die Erlebnisse und Erinnerungen, die sich im Laufe eines Lebens als Falten oder Narben auch in das Gesicht eines Menschen eingeschrieben haben. Es scheint immer auch das mit hindurch, was zwar nicht mehr sichtbar da ist, das den Menschen aber irgendwann einmal geprägt hat.
Auflösende oder sogar zerstörerische Eingriffe in die Bildstruktur finden sich bei Anett Frey schon seit vielen Jahren. Im Fall ihrer aktuellen Arbeiten sind sie jedoch deutlich weniger aggressiv als früher. Nicht umsonst hat sie ihre Ausstellung unter den Titel
„Behutsame Annäherung“ gestellt. Geht es ihr im Falle der Zusammenarbeit mit Herrn M. ja besonders darum, etwas von dem Augenblick der Begegnung einzufangen – oder, wie sie sich ausdrückt, „durchlässig für den Moment zu werden“.Dennoch gibt es einige Arbeiten, die ihre Fragilität auch einem starken Eingriff schulden. So goss sie etwa über eines ihrer Ölbilder flüssiges, unpigmentiertes Bienenwachs. Es ließ sich ablösen und wurde anschließend auf ein handgeschöpftes Papier gelegt, das als Träge diente. Das Ergebnis: Die Bildoberfläche wurde insgesamt „fleischig“, fast dreidimensional. Auch die Farben treten nun zurück und lassen das dargestellte Gesicht beinahe verschwinden. Das Bild bleibt schemenhaft, das Porträt entzieht sich, verschwindet im Raum – wie bei einem alten Fresko, das man aus einer Ruine gerettet hat, wo es Wind und Wetter ausgesetzt war.
In ähnlicher Weise behandelte Anett Frey auch ein Porträt auf Papier: Es wurde erst mit Ölfarbe lasiert und anschließend mit einer Wachsschicht überzogen. Das Ergebnis erscheint zunächst komplett abstrakt. Ein Bildgegenstand ist nicht zu erkennen. Erst ganz allmählich taucht etwas aus dem Untergrund auf und setzt sich in den Augen des Betrachters zu einem Gesicht zusammen. Das Entstehen und auch Vergehen des Bildes im Betrachtungsprozess steht bei diesen Arbeiten im Vordergrund. Zwar wird auch hier das Motiv der Vergänglichkeit – oder auch Vanitas – wieder greifbar. Aber in Form eines zeitgenössischen Memento Mori, das nicht mehr mit erhobenem Zeigefinger warnt: „Bedenke, Du bist sterblich“.Sondern das aufgrund seiner Bildstrukur das Werden und Vergehen – das Sich-Zeigen und das Sich-Entziehen – als elementare Pole zum Erlebnis bringt, zwischen denen sich – auf flüchtige und stets veränderliche Weise und in unendlich vielen Momenten völlig unterschiedlicher Qualität – erst das entfalten kann, was wir Leben nennen.

Wortbeitrag von Tiina Kern "Moment"
Malerei. Grafik. Zeichnung, 19.- 28.10.2018, Haus vier, Nürtingen
Zum Thema „Moment“ gibt es viel zu sagen
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Ich möchte damit beginnen: Es gibt sie, diese Momente, in denen das Denken einen Schubs bekommt.
Zum Beispiel reicht Anett Frey mir ein kleines Buch: Paul Holz, Notizen eines Zeichners. Dort steht geschrieben: „Wer ein Zeichner werden will, der muss zwei gute Augen haben. Mit dem einen Auge sieht er die Dinge, mit dem anderen, was hinter den Dingen ist.“
Das ist eine Aussage, mit der Anett Frey, im wahrsten Sinn des Wortes liebäugelt. Ein Satz, der einen Moment innehalten lässt. Es ist eine Aussage, die damit spielt, zwei Arten de
s Sehens zu kultivieren. (...zwei gute Augen...)
Das eine ist das simple Se
hen und Registrieren. Es ist der Scan, das Eins zu Eins Abbilden, so wie es einem die Fototechnik vorgaukelt.
Genau so wie Anett Frey, wenn sie unterwegs ist, so gut wie immer ihren Fotoapparat dabei hat. Ich kenne Anett mit diesem Fotoapparat in der Hand und sehe sie bei verschiedensten Gelegenheiten den Auslöser drücken. Das eine Auge, das neutrale, hat sie häufig in technischer Ausführung dabei. Das Fotografieren selber zum Thema, also zur Kunst zu machen, kommt bei ihr aber nicht in Frage. Obwohl, so sagt sie: Wenn es passt, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann kommt durchaus ein aussagefähiges Abbild heraus. Geduld muss man dazu haben, auf der Lauer liegen, den richtigen Augenblick erwischen, den Zufall zur Hilfe kommen lassen. (Der richtige Moment?)
In der Regel aber, so Anett Frey, ist ihr der Fotoapparat eher eine Erinnerungs-Hilfe. Oder besser vielleicht: Die Krücke, wenn der Skizzenblock nicht zur Hand ist. Was sie damit festhält, ist zum Beispiel eine Komposition von Linien in der Landschaft. Etwas waagrecht-senkrechtes, schräg durchschnittenes.
Aber: Eigentlich zeigt ihr das fotografierte Bild nie genug, nicht das Richtige. Der Apparat, das Hilfsauge, sieht und zeigt nicht alles.
Hier meldet und beschwert sich das andere, das zweite Auge, das anders sieht, mehr wahrnimmt und einer ganz anderen, besonderen Art von Seh-Schulung unterliegt.

Davon, vom Anderen, dem Ungefähren, dem annähernden Sehen, von dem, was dahinter liegt, und dem, was nicht planbar ist, kann Anett ausführlich, nachdrücklich und nachvollziehbar erzählen. Es ist auch der wunde Punkt, an dem sie in ihrem künstlerischen Schaffen das ein und andere Mal scheitert oder gar verzweifelt. (?)
Ihr künstlerischer Ehrgeiz führt sie oft genug in die Situation (das Moment), an der das Wünschen und Wollen einsetzt. Etwas Bild werden zu lassen, was das zweite Auge als Wesentlich betrachtet. Sie nennt es den Versuch, die „Sanftheit einer Begegnung“ in ihrer Arbeit festzuhalten. Oft scheitert dies an der „zu großen Absicht“. „Mit Absicht funktioniert nicht.“ (OTon A.Frey) Es gelingt eben genau dann nicht, das Gesehene richtig abzubilden.
Viel Übung und noch mehr Glauben an sich selbst sind ihrer Erfahrung nach notwendig, um dem zweiten Auge zu genügen. Damit das Dahinter sichtbar werden kann. Dabei spielt wissentlich der Zufall eine große Rolle. Und, nicht zuletzt, ist es Anett Frey wichtig mit allen Sinnen, von ganzem Herzen an der Arbeit zu sein.
Den Begriff des Moments habe ich bis jetzt weitgehend vermieden. Ich hoffe aber, seine Präsenz wahrnehmbar und begreifbar gemacht zu haben. Das glückliche Zusammentreffen, genau der Eine Moment spielt in Anetts Arbeit eine große Rolle.
Sie selber spricht vom Moment:
„...dass man genau an dem Ort ist - und keinen Schritt weiter - dass die Begegnung stattfinden kann.“ (A.Frey)

Der richtige Moment ist das Zustandekommen von Übereinstimmung. Dann, wenn die Stimmung des life porträtierten Herrn M. gründlich auf die Malerin und damit auf das Gemalte übergreift. Damit können wir, als Betrachter, diesen Moment wieder-sehen.
Oder: Der richtige Moment ist genau dann, wenn sich die Darstellung von Alter und Vergänglichkeit im Porträt den Spuren einer Landschaft nähert. Das zumindest, sagt Anett Frey, ist ihr ein Anliegen, auch wenn sich beides, Mensch und Landschaft nur in gewissem Maße angleichen lassen.
Die breite Palette von Techniken, in denen Anett Frey zu Hause ist, lässt für diese Annäherung viel Spielraum. Ihr Skizzenbuch ist oft genug Grundlage, beispielsweise für die Kompositionen in den Radierungen. (Landschaft)
Oder es entstehen kleine liebevolle gezeichnete Studien wie unten im Eingangsbereich. (Mensch)
Mit den oben genannten zwei guten Augen gesehen findet sich mal mehr, mal weniger Mensch oder Landschaft in egal welcher Technik.
Das ist spannend. Das gibt dem Denken einen Schubs. Das ist vielleicht der Moment, an dem das Gesicht zur Landschaft wird, die Landschaft ein Gesicht bekommt. Ein Moment, an dem Begegnung stattfindet.
Lassen wir ihn zu.